Die Ricoh-GR-Familie blickt 2026 auf 30 Jahre Geschichte zurück. Aus der analogen Kleinbildkamera von 1996 entwickelte sich eine digitale Kompaktkamera-Serie, die seit 2013 mit APS-C-Sensor fortgeführt wird. Dieser Überblick ordnet die drei Generationen ein und zeigt, warum die GR bis heute besonders für die Street-Fotografie interessant ist.
Inhalt 6 Abschnitte
Das Wichtigste in Kürze
- Die GR-Serie startete am 21. Oktober 1996 mit der analogen Ricoh GR1 und umfasst drei Entwicklungsphasen: 35mm-Modelle von 1996 bis 2005, digitale Kameras mit 1/1,8- bis 1/1,7-Zoll-Sensor von 2005 bis 2012 sowie die APS-C-Generation seit 2013.
- Die analoge GR1 kombinierte ein 28mm-Objektiv mit F2,8, ein Gewicht von knapp unter 180 Gramm und Abmessungen von 11,7 × 6,1 × 3,4 Zentimetern.
- Die erste digitale GR von 2005 besaß einen 7,2 × 5,3 Millimeter großen CCD-Sensor mit 8 Megapixeln und nahm Videos mit 320 × 240 Pixeln bei 30 Bildern pro Sekunde auf.
- Mit der GR Digital III erschien 2009 das lichtstärkste Objektiv der gesamten GR-Reihe: 6 Millimeter Brennweite und F1,9.
- Die GR Digital IV brachte 2011 erstmals einen beweglich gelagerten Sensor zur Bildstabilisierung, eine um den Faktor 2 schnellere Fokussierung und eine limitierte weiße Sonderedition mit 10.000 Exemplaren.
- Die digitale GR Digital II speicherte ein Raw-Bild noch in 3,8 Sekunden, während die aktuelle GR IV ein 26-Megapixel-Raw-Foto in 0,3 Sekunden schreibt.
Ausstattung und Technik
Der analoge Ursprung
Mit der Ricoh GR1 begann am 21. Oktober 1996 die Geschichte der Baureihe. Ihr fest eingebautes 28mm-Objektiv bestand aus 7 Linsen in 4 Gruppen und bot eine Lichtstärke von F2,8. Für eine Kleinbildkamera fiel das Gehäuse mit 11,7 × 6,1 × 3,4 Zentimetern ungewöhnlich kompakt aus; das Gewicht lag knapp unter 180 Gramm. Die Kamera erhielt unmittelbar einen TIPA-Award und wurde vor allem bei Street-Fotografen beliebt. Dieser Einsatzbereich blieb auch im digitalen Zeitalter ein Schwerpunkt.
Schon die GR1 zeigte zwei typische Gestaltungselemente der Reihe: den länglichen Auslöser und den flachen, gewölbten Griff. Im April 1998 folgte mit der GR10 ein günstigeres und geringfügig leichteres Schwestermodell. Während die GR1 ein Magnesiumgehäuse besaß, setzte die GR10 auf Aluminium; in beiden Fällen handelt es sich um Legierungen. Parallel erschien mit der GR1s ein leicht überarbeitetes Nachfolgemodell.
Im April 2001 erweiterte Ricoh die Reihe um die GR21. Ihr 21mm-Objektiv mit F3,5 war deutlich weitwinkliger als die bisherige 28mm-Ausführung. Auch dieses Modell erhielt einen TIPA-Award. Im September desselben Jahres kam mit der GR1v die letzte analoge GR-Kamera auf den Markt.
2005 endete die Produktion der analogen Modelle, weil Digitalkameras ihre Nachfolge antraten. Offizielle Reparaturen wurden noch bis 2014 angeboten. Die Objektive waren außerdem in begrenzten Stückzahlen separat mit M39-Gewinde erhältlich: Das 28mm-Modell gab es 3.000-mal, die 21mm-Variante 1.700-mal.
Der Wechsel zur Digitaltechnik
Die Ricoh GR Digital erschien 2005 als erste digitale Ausprägung der bis dahin bereits bekannten Kamera und wurde ebenfalls mit einem TIPA-Award ausgezeichnet. Die Gestaltung orientierte sich eng an den analogen Vorbildern. Mit 10,7 × 5,8 × 2,5 Zentimetern war sie sogar kleiner als diese, brachte mit 200 Gramm jedoch etwas mehr auf die Waage.
Im Inneren arbeitete ein 7,2 × 5,3 Millimeter großer CCD-Sensor. Für damalige Kompaktkameras war das eine vergleichsweise große Sensorfläche. Die Auflösung betrug 8 Megapixel, das Seitenverhältnis 4:3 statt 3:2 wie beim Kleinbildfilm. Die Videofunktion blieb wegen der damaligen Grenzen von CCD-Sensoren einfach und bot 320 × 240 Pixel bei 30 Bildern pro Sekunde.
Der 1/1,8-Zoll-Sensor besaß gegenüber Kleinbild einen Cropfaktor von 4,8. Deshalb reichten 5,9 Millimeter Brennweite aus, um den Bildwinkel eines 28mm-Kleinbildobjektivs zu erreichen. Gleichzeitig war das Objektiv mit F2,4 mehr als eine halbe Blendenstufe lichtstärker als das analoge Vorbild. Als Zubehör stand der Weitwinkelkonverter GW-1 zur Verfügung, der den Bildwinkel auf eine kleinbildäquivalente Brennweite von 21 Millimetern erweiterte.
Zur Ausstattung gehörten ein 6,3 Zentimeter kleiner Monitor mit 210.000 Bildpunkten, ein Pop-up-Blitz und die Möglichkeit zur manuellen Belichtung. Der damalige Preis lag bei 600 Euro. Für die erste GR Digital erschienen bis zum Nachfolgemodell und teilweise darüber hinaus regelmäßig Firmwareupdates mit zusätzlichen Funktionen. Außerdem gab es Sondermodelle, darunter eine Ausführung zum zehnjährigen Jubiläum.
Mehr Tempo und Lichtstärke
2007 folgte die Ricoh GR Digital II, kurz GRD II. Ein deutlich schnellerer Prozessor und 10 statt 8 Megapixel gehörten zu den wichtigsten Änderungen. Im damaligen Kompaktkameramarkt waren 12 Megapixel allerdings bereits üblich. Der rückwärtige Bildschirm wuchs auf 6,8 Zentimeter und bot 230.000 Bildpunkte.
Besonders deutlich verkürzte sich die Speicherzeit für Raw-Aufnahmen: Sie sank von 11 auf 3,8 Sekunden. Zum Vergleich: Die neueste GR IV schreibt ein 26 Megapixel großes Raw-Foto in 0,3 Sekunden, obwohl sie nicht als besonders schnelle Kamera gilt. Für die GRD II gab es keine Sondermodelle. Das Zubehör wurde um den Telekonverter GT-1 ergänzt, der die kleinbildäquivalente Brennweite auf 40 Millimeter verlängerte. Der GW-1 blieb kompatibel. Der Preis betrug weiterhin 600 Euro.
2009 löste die GR Digital III die zweite Generation ab. Die Auflösung blieb bei 10 Megapixeln, der CCD-Sensor wuchs jedoch auf 7,6 × 5,7 Millimeter. Wegen des neuen Cropfaktors von 4,6 musste die Brennweite auf 6 Millimeter steigen, damit der Bildwinkel eines 28mm-Kleinbildobjektivs erhalten blieb. Die Videoauflösung vervierfachte sich auf 640 × 480 Pixel bei weiterhin 30 Bildern pro Sekunde.
Gehäusegröße und Gewicht änderten sich nicht. Das neue Objektiv erreichte jedoch F1,9 und war damit lichtstärker als jede andere GR-Kamera. Es enthielt drei Linsen mit geringer Dispersion statt zuvor nur einer sowie zwei asphärische Linsen. Erstmals war außerdem ein einschwenkbarer Graufilter integriert. Damit ließ sich bei hellem Licht entweder die Belichtungszeit verlängern oder die Blende weiter öffnen.
Der neue Sensor, das Objektiv und der schnellere Bildprozessor sollten die Bildqualität verbessern. Gleichzeitig reduzierte sich die Raw-Speicherzeit auf 2,6 Sekunden. Der Monitor maß nun 7,5 Zentimeter und löste 920.000 Bildpunkte auf. Als neue Funktion kam eine Schnappschuss-Einstellung hinzu, bei der die Entfernung vorab festgelegt wird. Dieses Prinzip hatte es bereits bei der analogen GR1s gegeben und es blieb auch in späteren GR-Modellen erhalten.
Für das neue Objektiv wurde neues Zubehör benötigt. Das Set GH2 bestand aus einem Adapter mit 43mm-Filtergewinde und einer Gegenlichtblende. Der Adapter diente zur Aufnahme des Weitwinkelkonverters GW-2, der die Brennweite auf 21 Millimeter reduzierte. Zusätzlich waren der optische Aufstecksucher GV-1 und der externe TTL-Blitz GF-1 erhältlich. Einen TTL-Blitzschuh besaßen alle digitalen GR-Kameras. Die GR Digital III kostete 650 Euro. Ende 2009 erschien außerdem zum 30-jährigen Bestehen der Modemarke Stüssy eine gleichnamige Sonderausführung der GR Digital III.
Die letzte kleine Digitalkamera-Generation
2011 kam die Ricoh GR Digital IV auf den Markt. Sensor, Auflösung, Objektiv, Videofunktion und Monitor entsprachen grundsätzlich dem Vorgängermodell. Eine zentrale Neuerung war jedoch die bewegliche Lagerung des Bildsensors zur Stabilisierung. Dadurch sollten bis zu 3,2 Blendenstufen längere Belichtungszeiten ohne Verwacklung möglich sein.
Die Monitorauflösung stieg auf 1,23 Millionen Bildpunkte. Der praktische Gewinn fiel geringer aus, als die Zahl vermuten lässt, weil nun 4 statt 3 Bildpunkte pro Pixel genutzt wurden: Zu Rot, Grün und Blau kam Weiß hinzu. Das erhöhte die Helligkeit um den Faktor 1,7. Zusätzlich regelte die Kamera die Bildschirmhelligkeit erstmals automatisch anhand des Umgebungslichts.
Ein externer Autofokus-Sensor ermittelte grobe Entfernungswerte und unterstützte damit den Kontrastautofokus des Bildsensors. Die Fokussierung sollte dadurch um den Faktor 2 auf 0,2 Sekunden beschleunigt werden. Dieses Konzept lässt sich als frühe Form eines Hybrid-Autofokus einordnen, auch wenn aktuelle Systeme die entsprechenden Sensoren vollständig in den Bildsensor integrieren.
Die Intervall-Mehrfachbelichtung war für die damalige Zeit ebenfalls ungewöhnlich. Damit konnten beispielsweise Sterne als Leuchtspuren aufgenommen werden. Hinzu kamen Bildeffekte wie Schwarzweiß, Diafilm und Bleach-Bypass. Die digitale GR-Serie erhielt außerdem erstmals eine Bulb-Langzeitbelichtung einschließlich T-Modus. Einstellungen aus dem Benutzerspeicher ließen sich auf der SD-Karte sichern und auf eine andere Kamera übertragen.
Mit 500 Euro war die GR Digital IV die günstigste aller digitalen GR-Kameras. Eine weiße Sonderedition war auf 10.000 Stück begrenzt und kostete 550 Euro. Dieses Modell wurde sowohl im Labor als auch ausführlich in der Praxis geprüft; dabei handelte es sich um die limitierte weiße Ausführung.
In der Praxis
Kompakte Street-Kamera mit manuellen Möglichkeiten
Über alle Generationen hinweg verband die GR eine kleine, unauffällige Bauform mit einem fest eingebauten Weitwinkelobjektiv. Die analoge GR1 war trotz Kleinbildfilm sehr kompakt, und die erste GR Digital unterschritt ihre Abmessungen noch einmal. Die manuelle Belichtung gehörte bereits bei der ersten digitalen Version zur Grundausstattung. Zusammen mit dem länglichen Auslöser, dem flachen Griff und der festen Brennweite entstand ein Bedienkonzept, das besonders auf spontane Street-Aufnahmen ausgerichtet war.
Bildqualität und Ausstattung der GR Digital IV
Die GR Digital IV wurde als bewusst minimalistische Kamera wahrgenommen. Während viele Wettbewerber mit hohen Megapixelzahlen und Zoomobjektiven auftraten, konzentrierte sich die GR auf die fotografischen Grundlagen. Positiv fielen das lichtstarke und offenblendtaugliche Objektiv, der wirksame Bildstabilisator, das solide Metallgehäuse, der helle Bildschirm und die umfangreichen Individualisierungsmöglichkeiten auf.
Schwächen zeigten sich beim früh einsetzenden Bildrauschen und bei der Videofunktion, die auf VGA-Auflösung beschränkt blieb. Auch die übrigen digitalen Generationen waren bei Video jeweils eher zweckmäßig als fortschrittlich: Die erste GR Digital bot 320 × 240 Pixel, die GR Digital III 640 × 480 Pixel, jeweils mit 30 Bildern pro Sekunde. Die GR Digital IV übernahm die Videofunktion des Vorgängers unverändert.
Dokumentation der Baureihe
Die digitalen Modelle wurden jeweils ausführlich vorgestellt, größtenteils auch getestet. Zu allen Kameras stehen detaillierte Datenblätter zur Verfügung, in denen zusätzlich Sondermodelle, Firmwareupdates und weitere Meldungen dokumentiert sind. Wegen der großen Zahl an Kameras werden die Modelle in dieser Übersicht direkt im Text zugeordnet, statt sie am Ende noch einmal in einer langen Liste aufzuführen. Die aktuelle APS-C-Serie der Ricoh GR wird in einem zweiten Teil besonders ausführlich behandelt; sie gehört zur seit 2013 laufenden dritten Generation. Auch die analogen und digitalen Modelle wurden 2011 bereits in einem eigenen Vergleich gegenübergestellt.
Für wen lohnt sich die Ricoh-GR-Reihe?
Die analogen GR-Kameras richten sich vor allem an Fotografen, die eine unauffällige Kleinbildkamera mit festem 28mm- oder 21mm-Objektiv suchen. Die digitale Serie spricht Nutzer an, die eine sehr kompakte Kamera mit Festbrennweite, manueller Belichtung und direkter Bedienung bevorzugen. Für Street-Fotografie und spontane Alltagsszenen sind die kleinen Gehäuse und die weitwinkligen Objektive besonders passend.
Die Stärken liegen in der konsequenten Kompaktheit, den lichtstarken Festbrennweiten, der manuellen Kontrolle und den ungewöhnlich umfangreichen Individualisierungsmöglichkeiten. Einschränkungen ergeben sich aus den kleinen Sensoren der ersten Digitalgeneration, dem früh sichtbaren Rauschen der GR Digital IV und den einfachen Videofunktionen. Wer Zoom, hohe Tele-Reichweite oder moderne Videoauflösung benötigt, findet diese Eigenschaften in den beschriebenen Modellen nicht.
Technische Daten im Überblick
- Serienbeginn: 21. Oktober 1996
- Analoge Serie: 1996 bis 2005
- Erste digitale Serie: 2005 bis 2012
- APS-C-Serie: seit 2013
- Jubiläum: 30 Jahre im Jahr 2026
- Ricoh GR1: 28mm, F2,8, 7 Linsen in 4 Gruppen, 11,7 × 6,1 × 3,4 cm, knapp unter 180 g
- Ricoh GR10: Aluminiumgehäuse, geringfügig leichter als die GR1
- Ricoh GR21: 21mm, F3,5
- Analoge Einzelobjektive: 3.000 Stück beim 28mm-Modell, 1.700 Stück beim 21mm-Modell, M39-Gewinde
- Ricoh GR Digital: 7,2 × 5,3 mm CCD, 8 Megapixel, 1/1,8 Zoll, Cropfaktor 4,8, 5,9mm, F2,4, 10,7 × 5,8 × 2,5 cm, 200 g, 4:3
- GR Digital Monitor: 6,3 cm, 210.000 Bildpunkte
- GR Digital Video: 320 × 240 Pixel, 30 Bilder pro Sekunde
- GR Digital Preis: 600 Euro
- GRD II: 10 Megapixel, Monitor 6,8 cm und 230.000 Bildpunkte, Raw-Speicherzeit 3,8 Sekunden, Preis 600 Euro
- GRD II Zubehör: GT-1 bis 40mm Kleinbildäquivalent, GW-1 weiterhin kompatibel
- GR Digital III: 10 Megapixel, 7,6 × 5,7 mm CCD, Cropfaktor 4,6, 6mm, F1,9, Video 640 × 480 Pixel bei 30 Bildern pro Sekunde
- GR Digital III Monitor: 7,5 cm, 920.000 Bildpunkte
- GR Digital III Raw-Speicherzeit: 2,6 Sekunden
- GR Digital III Zubehör: GH2 mit 43mm-Filtergewinde und Gegenlichtblende, GW-2 bis 21mm, GV-1, GF-1
- GR Digital III Preis: 650 Euro
- GR Digital IV: Sensor, Auflösung, Objektiv, Video und Monitor grundsätzlich wie bei der GR Digital III, Sensorstabilisierung mit 3,2 Blendenstufen
- GR Digital IV Monitor: 1,23 Millionen Bildpunkte, 4 Bildpunkte je Pixel, Helligkeitssteigerung um den Faktor 1,7
- GR Digital IV Autofokus: externer Entfernungssensor, 0,2 Sekunden, Faktor 2 schneller
- GR Digital IV Preis: 500 Euro
- Weiße GR Digital IV: 10.000 Stück, 550 Euro
- GR IV zum Vergleich: 26-Megapixel-Raw in 0,3 Sekunden
Unser Fazit
Die Ricoh GR hat sich von einer analogen 35mm-Kamera zu einer eigenständigen digitalen Kompaktkamera-Familie entwickelt. Trotz wechselnder Sensoren und zahlreicher technischer Verbesserungen blieben die kompakte Bauform, die feste Weitwinkelbrennweite und die Eignung für Street-Fotografie die prägenden Konstanten.
Besonders die GR Digital IV zeigt, wie konsequent Ricoh auf manuelle Kontrolle, Individualisierung, Lichtstärke und geringe Abmessungen setzte. Ihre Schwächen bei Rauschen und Video machen zugleich deutlich, dass die GR nie als universelle Zoom- oder Videokamera gedacht war.
