Ungarns staatlicher Lotterie- und Wettanbieter Szerencsejáték Zrt wird seit dem 27. Oktober von Zoltán Sólyom geführt. Finanzminister András Kármán setzte den bisherigen Aufsichtsratsvertreter an die Spitze des Unternehmens und begründete den Wechsel mit Vorwürfen gegen die frühere Führung und deren Mittelverwendung.
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Was ist neu?
- Zoltán Sólyom ist seit dem 27. Oktober Chief Executive von Szerencsejáték Zrt, dem vollständig staatlichen Glücksspielanbieter Ungarns.
- Seit der Entlassung von Zoltán Guller am 30. Juni hatte Wirtschaftsdirektor Balázs Attila Pozsgai die Leitung nur übergangsweise übernommen.
- Finanzminister András Kármán wirft dem Unternehmen vor, öffentliche Gelder an Firmen aus dem Umfeld von Fidesz weitergeleitet zu haben.
- Sólyom gehört dem Aufsichtsrat von Szerencsejáték seit August an und wurde dort auf Wunsch Kármáns berufen.
- Mit der Personalentscheidung endet ein Umbau, der im Juli mit einem neuen Verwaltungsrat begonnen hatte.
- Parallel lässt die Regierung die Glücksspielaufsicht SZTFH überprüfen und hat ihr die Zuständigkeit für Konzessionen entzogen.
Die Details
Minister bestimmt die neue Unternehmensspitze
Kármán veröffentlichte die Ernennung am 27. Oktober in sozialen Medien, also am Tag des Amtsantritts. Szerencsejáték Zrt zählt zu den größten Staatsunternehmen des Landes. Auch unter der vorherigen Regierung wurden die Vorstandschefs direkt durch Minister eingesetzt: Zoltán Guller erhielt seine Berufung im März 2025 vom damaligen Wirtschaftsminister Márton Nagy.
Sólyom gründete vor annähernd 30 Jahren eine Beratungsfirma für Unternehmensversicherungen und war anschließend in leitenden Funktionen bei mehreren Finanz- und Versicherungsgesellschaften tätig. Seit August sitzt er nicht nur im Aufsichtsrat von Szerencsejáték, sondern auch im Kontrollgremium der staatlichen Beteiligungsgesellschaft Corvinus Nemzetközi Befektetési Zrt.
Nach Darstellung Kármáns übernahm Sólyom diese Mandate auf dessen Bitte. Der Minister erklärte, Sólyom habe ihn im Auswahlverfahren davon überzeugt, das Unternehmen umsichtig führen zu können. Details zum Ablauf der Auswahl, zur Vergütung und zum Namen von Sólyoms Beratungsunternehmen wurden bislang jedoch nicht veröffentlicht.
Vorwürfe zur Verwendung öffentlicher Mittel
Kármán stellte die Ernennung ausdrücklich in einen politischen Zusammenhang. Nach seiner Einschätzung war Szerencsejáték zu einer Zahlstelle für das frühere Netzwerk des Systems der Nationalen Zusammenarbeit geworden. Er sprach von Milliardenbeträgen aus Steuermitteln, die ohne ausreichende Transparenz und ohne nachvollziehbare Begründung an unternehmensnahe Empfänger geflossen seien.
Dabei nannte der Finanzminister Unternehmen mit Verbindungen zu Antal Rogán, Árpád Habony und Péter Szijjártó. Konkrete einzelne Zahlungsströme legte er nicht offen. Zugleich erklärte Kármán, das Unternehmen befinde sich nun endlich in guten Händen.
Vier Monate ohne dauerhaft bestellten Vorstandschef
Die Neubesetzung ist der vorläufige Abschluss eines Umbaus nach dem Wahlsieg der Tisza-Partei von Péter Magyar am 12. April, bei dem die Partei eine Zweidrittelmehrheit erreichte. Am 30. Juni entließ Kármán Zoltán Guller, der damals zugleich Verwaltungsratsvorsitzender und Chief Executive war.
Gemäß den Vertretungsregeln des Unternehmens führte daraufhin Wirtschaftsdirektor Balázs Attila Pozsgai die Geschäfte kommissarisch. Drei Tage nach Gullers Abberufung verlor er auch den Vorsitz bei der Ungarischen Tourismusagentur; diese Entscheidung traf Wirtschaftsminister István Kapitány.
Am 14. Juli bestellte Kármán Marcell Olajos zum Vorsitzenden des Verwaltungsrats und Zoltán Horváth zum Mitglied. Beide Berufungen traten am 15. Juli in Kraft. Gleichzeitig wurden vier Verwaltungsratsmitglieder abberufen, darunter drei frühere hochrangige Beamte aus Ministerien der Fidesz-Zeit sowie ein ehemaliger Fidesz-Pressesprecher.
Trennung von Vorsitz und operativer Führung
Mit der neuen Struktur werden die bisher zusammengelegten Funktionen aufgeteilt. Olajos führt den Verwaltungsrat, während Sólyom das operative Geschäft leitet. Das verändert die Governance des Unternehmens tatsächlich.
Am Verfahren selbst hat sich dagegen wenig geändert: Der Minister entschied erneut persönlich über die Besetzung und wählte dafür einen Kandidaten aus, den er zuvor selbst in den Aufsichtsrat gebracht hatte. Wie schon bei der Ernennung Gullers im Jahr 2025 erfolgte die Bekanntgabe über soziale Medien. Eine glaubwürdige Transparenzoffensive müsste daher bereits bei der Auswahl beginnen.
Staatsmonopol bleibt bestehen
Das ungarische Glücksspielgesetz, Gesetz XXXIV von 1991, reserviert Zahlenlotterien und mehrere Wettformen einem Spielveranstalter, der vollständig dem ungarischen Staat gehört. Kármáns Kritik richtet sich damit gegen die Verwendung der Einnahmen, nicht gegen die exklusiven Rechte, aus denen diese Erträge entstehen.
Die Regierung hat zugleich eine Prüfung zur möglichen Abschaffung der SZTFH angeordnet und der Behörde ihre Konzessionsbefugnisse entzogen. Für lizenzierte Anbieter und Offshore-Betreiber deutet dies darauf hin, dass die neue Regierung die Steuerung des bisherigen Modells neu ordnet, den Markt jedoch nicht öffnet.
Termine und Kennzahlen
Im Geschäftsbericht für 2025 wies Szerencsejáték Zrt Nettoerlöse von 1.310,9 Milliarden Forint aus, umgerechnet rund 4 Milliarden US-Dollar. Der Gewinn nach Steuern belief sich auf 49,1 Milliarden Forint, etwa 150 Millionen US-Dollar.
Drei Tage vor der Wahl im April beschloss die damalige Orbán-Regierung, den vollständigen Gewinn als Dividende abzuschöpfen. Die Summe lag bei rund 52 Milliarden Forint beziehungsweise etwa 160 Millionen US-Dollar und sollte in zwei Raten bis zum 30. Juni und 31. Oktober gezahlt werden.
Einordnung
Entscheidend wird nun die Offenlegungspraxis unter Sólyom sein. Kármán verlangt Rechenschaft über den Einsatz von Steuergeldern. Andere staatliche Lotteriegesellschaften, etwa Schwedens Svenska Spel, veröffentlichen bereits Quartalsberichte mit detaillierten Ausgaben für Markenführung und Marketing. Ob Szerencsejáték künftig auch Förder-, Sponsoring- und Zuschussentscheidungen veröffentlicht, wird zeigen, ob es vor allem um mehr Transparenz oder lediglich um eine neue Kontrolle über die Mittel geht.
In vier Monaten wurde die frühere Führung ausgetauscht und durch neue Verantwortliche ersetzt. Die schwierigere Aufgabe besteht nun darin, künftige Berufungen und die Verwendung der Unternehmensgelder nachvollziehbar anders zu gestalten als zuvor.
