Im Studio verwenden wir gerne einen grossen
24''-Monitor, um das Livebild unser DSLR komfortabel und grossformatig zu
betrachten. Schön wäre es, diesen Luxus auch draussen zu geniessen; doch ein
solch grosser Monitor liesse sich kaum transportieren. Eine Lösung bietet die
Videobrille "Zeiss Cinemizer Plus", die durch Projektion sogar einen
45''-Monitor simuliert.
Es klingt fast wie ein Märchen: das von der
Cinemizer dargestellte Bild ist 45-Zoll (115cm) gross und damit 15x grösser als
etwa am kamerainternen 3''-Monitor. Setzt man die Brille auf, lässt sich so z.B.
das Livebild der Kamera und auch das Kameramenü oder die Bildrückschau
grossformatig geniessen.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Störende
Reflexionen bei ungünstigem Lichteinfall auf dem kamerainternen Monitor werden
vermieden. Allein die Bildgrösse ermöglicht eine komfortablere Beurteilung des
Motivs und die Sicht ist unabhängig von der Kameraposition.
Als wir die Brille das erstemal an der DSLR
nutzen, ist der Effekt beeindruckend. Die Cinemizer projiziert ein Bild, das in
einer Distanz von ca. 2 Metern wahrgenommen wird. Wir fühlen uns wie vor einer
Beamerprojektion. Also ab nach draussen und testen, ob wir mit dem Handling
klarkommen und welche Vorteile sich real erzielen lassen.
Praxis
Zunächst widme ich mich dem herbstlichen Wald mit
Pilzmotiven. Hier brauche ich mit der Brille nicht mehr so tief in den
Bodenbereich, um die pilzgerechte Perspektive einzunehmen. Es reicht, die Kamera
nach unten zu bewegen oder sie dort am Stativ zu platzieren; im Livebild der 5D
Mark II sehe ich, wo die Schärfeebene liegt und kann auch die weiteren Vorteile
des Livebildes wie Belichtungshelligkeit und Schärfentiefe sehr gut abschätzen.
Das gelingt noch eine Idee besser als mit dem Livebild an der Kamera, ohne dass
ich mich jedoch verrenken oder flach auf den Waldboden legen muss.
Jetzt setze ich ein Weitwinkelobjektiv auf und
wandere durch den Wald. Im Livebild der Cinemizer lässt sich so exakt erkennen,
ob sich ein interessantes Motiv ergibt. Früher hatte ich schon überlegt, mir
einen Helm mit montierter Kamera zu bauen, um dann durch den Kamerasucher mit
Weitwinkelobjektiv Landschaftsmotive während der Wanderung direkt betrachten und
damit besser abschätzen zu können. Die Lösung wäre natürlich gewichtstechnisch
viel zu unkomfortabel. Mit der Videobrille ist mein Wunsch Realität geworden.
Ich kann sogar High-Key-Motive sofort erkennen, wenn das Livebild überbelichtet
wird.
Leichtgewicht
Gewichtstechnisch fällt die Videobrille kaum auf,
die 115gr. spürt man kaum und auch der Tragekomfort ist gut. Gegen Verrutschen
bieten die längenverstellbaren Bügel eine Halterung, um die Cinemizer hinter den
Ohren fest zu fixieren. Auch an Brillenträger wurde mit einem Ausgleich von bis
+-3,5 Dioptrien gedacht.
Die Bildqualität ist gut aber nicht umwerfend,
denn die zwei LED-Monitore nutzen jeweils 640 x480 Dioden und ziehen das Bild
entsprechend auf 115cm in der Diagonalen auf. Hier werden leichte Zeilen
erkennbar.
Auch sind Farbsäume an kontrastreichen Bildkanten erkennbar, was z.B.
bei Schriftzügen im Kameramenü deutlich wird. Dennoch ist das Livebild absolut
brauchbar. Der Dynamikumfang entspricht praktisch dem des Kameramonitors,
insbesondere brennen Lichter nicht stärker aus, wenn die softeste
Kontrastvariante genutzt wird (Kontrast ist in drei Stufen an der Cinemizer
verstellbar). Für die reine Bildbetrachtung z.B. in der Bildrückschau der Kamera
ist uns jedoch ein herkömmlicher Monitor lieber, da er noch feiner auflöst.
Hochformat
Beim Wechsel vom Quer- ins Hochformat stellt sich
die Cinemizer nicht um sondern projiziert weiterhin horizontal; das Bild liegt
zwar ebenfalls vertikal in der Brille vor, nur lässt es sich schwer beurteilen,
da der Kopf mit Brille ja
weiterhin
horizontal ausgerichtet bleibt.
Etwas nervig kann auch die Kabelverbindung sein.
Zum einen muss die Docking-Halteschale für das iPod/iPhone mit transportiert und zwei
Kabel mittels Kupplung verwendet werden. Das ist zwar gewichtstechnisch kein
Problem, kann jedoch eine Jackentasche schon füllen.
Die Betriebszeit liegt bei rund 4 Stunden, dann
muss die Cinemizer via des im Lieferumfang enthaltenen Kabels ans Netz; sprich
an einen USB-Anschluss am Computer. Nach rund 2 Stunden ist der Akku dann wieder
voll.
Videos
Die Cinemizer ist eigentlich als Video-Player für
iPod/iPhone-Geräte gedacht. Und hier kann auch der Ton in guter Stereoqualität
genutzt werden, da ein Kopfhörer direkt in der Brille integriert ist. Das
Videobild empfanden wir im Gespann mit iPod touch als gut, wir haben einige
Podcast-Videos und auch ganze Kinofilme genossen. Klar, dass es mit einem
hochauflösenden HD-Videobild oder einer entsprechenden Beamerprojektion nicht
mithalten kann, dafür steht die Cinemizer aber überall bereit.
Bequem im Bett
liegend mit Blick zur Decke und dabei grossformatig ein Video zu geniessen ist
schon extrem komfortabel - genauso wie unterwegs selbst in hellen Umgebungen,
die andere Displays oft vor Probleme stellen. Steht eine Stromnetzquelle (z.B.
Computer oder Netzadpater mit USB-Anschluss) zur Verfügung, kann die Cinemizer
auch im laufenden Betrieb geladen werden. Neben iPod & Co lassen sich auch
weitere Videoquellen mittels des 3,5mm-AV-Eingangs nutzen. So haben wir auch die
DSLR mit der Brille gekoppelt.
Das Bildformat liegt im 3:2-Verhältnis vor. Das
ist für die DSLR mit idR ebenfalls 3:2-Ratio ideal. Videos, die auf 16:9
ausgelegt sind, werden links und rechts gekappt was uns besser gefällt, als wenn
nicht das ganze Bild gefüllt oder gar gestaucht würde.
3D-Modus
Die Cinemizer bietet einen speziellen 3D-Modus
(Drehrad zwei Sekunden drücken), der das stereoskopische Bild nativ darstellt
und nicht etwa auf eine Shutter- oder Polarisationstechnik zurückgreifen muss.
Allerdings setzt der 3D-Modus ein spezielles Format voraus, bei dem die
Ausgangsbilder auf die halbe Bildbreite gestaucht werden. Die Brille entzerrt
das Bild anschliessend und stellt links und rechts den jeweiligen Bildwinkel "side
by side" für das Auge bereit (Kreuzblickprojektionen
müssen daher bildseitig vertauscht und gestaucht werden, siehe Darstellung unten).
Zeiss hat diese Methode gewählt, da von iPod & Co
640 x 480 Pixel geliefert werden, ansonsten müsste die Videoquelle 2 x 640 x 480
bieten, was eine HD-Wiedergabe mit 1.280 x 720 in der Höhe übersteigen würde und
derzeit auch auf neuesten iPod/iPhone-Geräten technisch noch nicht umgesetzt
ist. Z.B. unter iTunes finden sich einige kostenlose 3D-Videos für die Cinemizer.
Die 3D-Qualität ist noch gut aber sie basiert auf realen 320 x 240 Bildpixel
jeweils für das linke und rechte Auge; ist also schon etwas reduziert.
Nicht nur zugespielte Videos
vom iPod sind beeindruckend sondern auch das Livebild der DSLR wird
riesengross projiziert. Damit kann die Schärfe z.T. noch besser eingeschätzt
werden. Vor allem können wir uns mit der Cinemizer frei durch die Gegend bewegen
und sehen das Motiv z.B. bei Weitwinkelaufnahmen schon live und können so "on
the run" Motive laufend abschätzen. Der Blick ist nicht zu sehr eingeengt, denn
seitlich erkennt man noch viel vom Umfeld und geht so noch sicher durch die
Gegend.
Natürlich ist auch der Bewegungsspielraum viel
grösser, wenn es in den Boden- oder Überkopfbereich hineingeht. Bei
Sonneneinstrahlung spielt die Cinemizer ebenfalls Vorteile gegenüber
herkömmlichen Displays aus, mag sie auch rückseitig noch etwas Licht einfangen.
Mit den Nachteilen können wir leben:
Hochformataufnahmen sind schwierig zu komponieren, auch könnte die dargestellte
Bildqualität höher sein und auf die erzeugten Farbkonturen sollte man nicht zu
sensibel ansprechen. Etwas Platz braucht es auch in der Tasche für die
Verkabelung bzw. Halteschale. Wir haben uns daher ein schlankeres
Verbindungskabel zusammengelötet.
Alles in allem ist die Cinemizer Plus für
DSLR-Fotografen eine tolle Möglichkeit, um den Aktionsradius zu verbessern und
ein ganz neues Liveview-Feeling zu erleben. Klarer Kauftipp für
experimentierfreudige Fotografen, daher haben wir die Cinemizer auch in
unserem
Shop aufgenommen !
ergänzender Hinweis (24.7.11): zur Zeit
führen wie die Cinemizer nicht im Shop (hatten nur einen
Sonderposten) aber das notwendige
Video-Verbindungskabel und die
Cinchkupplung.
Jürgen H.: Ich habe mir die Video Brille nun auch zugelegt, mit dem IPhone und DVD Player klappt alles prima, habe aber echt Probleme mir das richtige Video Kabel für 600D Canon zubesorgen, hoffe nun das richtige im Shop bei euch gefunden zu haben. Die richtige Pin - Belegung ist das Problem. Die passenden Kabel (Creative Zen Vision:M Video Kabel) oder das (Archos Video Kabel:404/504/604) sind im Internet zur Zeit nicht verfügbar. Vielleicht habe ich ja nun das Glück. Schöne Grüße an alle Foto Freunde. (28.02.2012, 11:02 Uhr)
Ursula S.: Hallo Stefan,
funktioniert die Zeiss Cinemizer-Videobrille auch an der Eos 1 Mark4 ,wenn ja , welche Verbindungskabel brauche ich . (14.10.2011, 15:30 Uhr)
ich hab da noch keine Anschluss-Spezifikation vom Sony-Display gesehen. HDMI ist aber wahrscheinlich, um einen HD-Stream entgegennehmen zu können.
Wirkt etwas mächtig und stärker auftragend als die Cinemizer. Zeiss ist ja auch beim Entwickeln einer HD-OLED-Version, aber wann die kommt ist wohl offen. Die wird dann per HDMI-Ausgang bedient.
grüsse
Stefan (18.09.2011, 19:52 Uhr)
Ralf Matz: Hallo Stefan,
Sony scheint da etwas Ähnliches herauszubringen:
http://www.sony.de/product/head-mounted-display/hmz-t1#pageType=Overview Nur stellt sich die Frage, wie ich das an meine Canon 40D anschließe. Oder brauche ich dazu eine Kamera mit HDMI-Anschluß? Viele Grüße, Ralf (18.09.2011, 12:35 Uhr)
Peter: Hallo Stefan,
danke für diesen interessanten Test.
Um das ganze passend zu ergänzen (Cinemizer + 50D),
wo bekommt man das benötigte Kabel (3,5 Klinke 4fach belegt auf 3,5 Klinke 2fach belegt)?
Gibt es da was Konfektioniertes, eine Lötanleitung oder vertreibt Ihr so etwas vielleicht?
Großen Dank an Euer engagiertes Internet-Portal,
motiviert immer wieder zum Experimentieren.
Mit besten Grüssen,
Peter (18.07.2011, 23:40 Uhr)
Stefan_tf: @Philipp: Im Moment ist nicht absehbar, ob wir wieder die Cinemizer reinbekommen.
@Oliver: Die Schärfe lässt sich durchaus sehr gut in der Cinemizer beurteilen, war selbst überrascht. Da mit der Z-Finder von Zacuto nicht bekannt ist, kann ich da keine vergleichende Aussagen machen.
viele Grüsse
Stefan (18.06.2011, 20:27 Uhr)
Philipp: Der Link oben, der eigentlich zur Brille im Shop füren sollte, sagt nur, dass sie nicht mehr im Shop ist. Kommt sie irgendwann wieder? (18.06.2011, 20:17 Uhr)
Oliver: Hallo Stefan, lässt sich der Zinemizer auchals Ersatz für einen Z-Finder von Zacuto verwenden.
kann man durch das Bild die Schärfe beurteilen ? (11.06.2011, 17:47 Uhr)
Stefan_tf: @Karl Siebinger: Danke für die nette Rückmeldung!
Die 20D hat leider keine Liveview, daher kann man die Cinemizer nur sehr eingeschränkt an der 20D nutzen (nur Bildwiedergabe). Würde ich nicht für reine Foto-Aufnahmezwecke empfehlen.
grüsse
Stefan_tf (06.05.2011, 19:06 Uhr)
Karl Siebinger: Hallo Stephan,
ein ganz toller Bericht vom Anfang bis zum Ende.
Meine Canon 20D ist natürlich keine 5D wie im Test, geht das mit minem Oldi auch? Bitte gib mir Deine Einschätzung weiter. Danke. (06.05.2011, 18:58 Uhr)
Fernauslöser sorgen - neben grösserer Bewegungsfreiheit -
für schärfere Aufnahmen insbesondere bei Stativeinsatz. Beim Durchdrücken des
Auslösers direkt an der Kamera können ansonsten Verwackler entstehen
und für ein unscharfes Bild sorgen. Fortgeschrittene Fotografen haben deswegen
idR einen
Fernauslöser dabei. Alternativ lässt sich auch der Selbstauslöser-Modus an
der Kamera verwenden, doch meist lässt sich die Verzögerungszeit nicht
optimal einstellen (entweder zu kurz, dann entstehen besonders an langen Brennweiten oder im Makrobereich dennoch leichte Verwacklungsunschärfen oder die Zeit wird
unangemessen lang z.B. bei 10 Sek.).
Es gibt drei generelle Varianten: Kabelfernauslöser (Nachteil: Wind kann sich im Kabel verfangen und
Verwacklungsunschärfen erzeugen), Infrarot-Fernauslöser (Nachteil:
idR nur über kurze Distanz einsetzbar, sehr anfällig für
Sonneneinstrahlung) und Funkfernauslöser. Letztere lassen sich
meist auf Distanzen von bis zu 100m nutzen und können auch durch Wände
hindurch - oder wenn die Kamera z.B. durch Gras im Bodenbereich abgedeckt wird - genutzt werden.