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Das Bild hängt schief - warum Bäume gerade wachsen!

Das Bild hängt schief - warum Bäume gerade wachsen!

Aufrufe: 9.634

9 von 34 Lesern fanden diesen Report hilfreich.

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Wie Canon eine hübsche Buche in Schieflage bringt

Canon-Europe versendet einen Newsletter, bei dem es um eine Foto-Story zu einer alten Buche geht. Doch mit dem Bild scheint etwas nicht zu stimmen. Wie Loriot versuchen auch wir, es gerade zu rücken.

Ein Report von Stefan Groß

Bei Canons-Newsletter fühle ich mich selten wirklich angesprochen. Nicht etwa nur, weil sie in englischer Sprache verfasst werden sondern weil mich die oft techniklastigen Themen schlicht nicht interessieren. Heute werde ich aber hier überrascht. Canon zeigt eine alte Buche, die der Fotograf und Canon-Evangelist David Noton frei übersetzt als "zauberhaften Buchenbaum" betitelt. Eine alte knorrige Buche im Nebel - ja, das hat was. Wie ist er dabei vorgegangen, frage ich mich; werde jedoch arg ausgebremst, denn am Bild irritiert etwas ganz gehörig.

So zeigt David Noton bzw. die Canon-Europe-Story die alte Buche. Loriot würde jetzt die Wartezeit nutzen und mehr oder wenig geschickt versuchen, das Bild gerade zu rücken. Doch warum? Lt. Canon wäre die Buche auf einem Hügel gewachsen und da dürfte klar sein, dass sich dort natürlich auch die Vegetation samt Bäumen dezent an die Schräglage anpasst und ebenfalls schräge steht. Oder etwa nicht?

 

Rücken wir das Bild einmal gerade, dann sieht es wie oben gezeigt doch viel stimmiger aus. Von Hügel also keine Spur mehr zu sehen. Warum aber sollte der Buchenstamm schräge am Hügel wachsen? Und die übrige Vegetation ebenfalls? Vielleicht, weil die Redakteurin (Gemma Padley) der Meinung ist, in Schräglage wirkt es dynamischer und spricht den unbedarften, mutmaßlich naturunkundigen Canon-Anwender eher an?

 

Ziehen wir zwei rote Hilfslinien ein, dann ist die viel bessere Statik der Buche erkennbar, wäre sie tatsächlich gerade gewachsen. Auch das übrige Umfeld sieht jetzt viel stimmiger aus. Am Rande sei erwähnt, dass der hier verwendete Ultraweitwinkel Canon 16-35mm/2,8 III an einer EOS 5DsR - vermutlich am kurzen Ende - zudem noch zu unverhältnismäßigen, der Statik nicht förderlichen Proportionen mit zu kräftigen Astablegern führt.

 

Zugegeben, nicht jeder Baum steht im Wald gerade. Das mag verschiedene Gründe haben. Einerseits fehlt vielleicht der Platz, weil ein schnell wachsender Konkurrent eine Lichtlücke geschlossen hat. Oder der Untergrund ist etwa an Steilküsten oder Uferböschungen instabil. Auch kann ein Blitz eingeschlagen sein oder der Baum destabilisiert sich selbst, weil statt einem gleich zwei Hauptsprossachsen gewachsen sind (sog. Zwiesel). Ist genügend Platz da, wachsen Bäume aber normalerweise gerade gegen den Zenit. Oder besser gesagt entgegengesetzt zur Schwerkraft. Das gibt schlicht die beste Statik und die ist überlebensnotwendig, wenn der Baum auch Stürmen standhalten will.

 

Zwei alte Buchenstämme, die bei mir in der Gegend (Hamburger Süllberg) an einem schrägen Hang wachsen. Natürlich streben sie gerade gegen den Himmel und nicht etwa im rechten Winkel zum Untergrund.

 

Diese Konifere wäre schon lange abgekippt, hätte sie sich an die Felsenform angepasst und wäre dort schräge gewachsen.

 

Schräglagen können allerdings auch rein optische Gründe haben. Stürzende Linien entstehen bei der Mehrzahl der unkorrigierten Weitwinkeloptiken. Hier biegen sich die Bäume am Rand konzentrisch. Das passiert eigentlich immer, wenn die Brennweite unterhalb der Sensordiagonale liegt (KB = rund 43mm). Aufnahme mit 15mm/2,8-Fischauge.

 

Manch Naturfotograf verbiegt sich gerne, um einen möglichst geraden Wuchs seines Baummotivs zu realisieren....

 

Auch alte Baumriesen wachsen gerne gerade, mag es hiervon auch Ausnahmen geben. Die alte Eiche stammt aus dem Saba-Urwald aus dem Rheinhardswald. Sie hat mehrere Meter Stammumfang und man kann sogar in den hohlen Stamm hineinsteigen (sog. Kamineiche). Genug der Baumphilosophie. Es wäre letztlich aber wünschenswert, wenn Canon nicht so ein Chaos in meiner heilen Baumwelt anrichten würde!

 

 


Dieser Report wurde am Donnerstag, 22. Februar 2018 erstellt und zuletzt am Freitag, 23. Februar 2018 bearbeitet.

Leserkommentare:


Autor: Martin Wohlgemuth 04.03.2018 - 18:45:01
Für mich scheint das original auch stimmiger. Der Wuchs der Hintergrundbäume allgemein passt beim begradigten Bild m.E. nach nicht mehr. Auch zieht das Original seine Interessantheit durch die schiefe Ebene. Das begradigte Bild ist schlichtweg uninteressant - da sind halt ein paar Bäume, mehr nicht.


11 von 13 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich. Entscheiden Sie selbst:

Autor: WZenk 01.03.2018 - 19:24:39
Bewertung des Reports: 3 von 5 Sternen!
Ich sehe es genau wie Gerd. Schaut man sich die Struktur der gesamten Umgebung an - insbesondere die Baumgruppe rechts im Hintergrund - dann bestehen für mich keine Zweifel, dass es sich hier um eine Buche in Hanglage handelt. In dem künstlich geradegerückten Foto sehen alle übrigen Pflanzen im Hintergrund aus, als würden diese ständig durch heftigen Wind/Sturm in eine Schräglage gezwungen.
Auch die zur "Geradestellung" eingefügten Hilfslinien gehen m. E. an der Struktur des Baumes vorbei. Zieht man nämlich eine Linie durch das "Zentrum" des Baumes, ergibt sich für mich eine Neigung der Buche, die dann wieder der Hanglage entsprechen würde.
Trotz allem, ein interessanter Diskussions-Threat.

9 von 11 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich. Entscheiden Sie selbst:

Autor: Ulrich Büttner 27.02.2018 - 13:18:01
Bewertung des Reports: 3 von 5 Sternen!
Ganz gleich, wie gerade oder schräg in Bezug auf einen Horizont oder eine Nachbarschaft ein Baum steht bzw. wächst, bleibt allein wichtig, dass die Kamera in Blick- und Querachse waagrecht ausgerichtet wird. Es sei, man ist an der 'Wahrheit' nicht interessiert. Eine Aufsteckwasserwaage kostet keine fünf Euro. Moderne Kameras haben ggf. eine elektronische Wasserwaage integriert.

4 von 15 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich. Entscheiden Sie selbst:

Autor: Sabine 27.02.2018 - 10:20:34
Bewertung des Reports: 4 von 5 Sternen!
Also, mir gefällt das Original besser. Ich halte nicht immer etwas davon, Objekte gerade zu rücken. Wo es sein muss, OK, aber hier ist m. E. gerade die Hanglage das reizvolle. Es gibt übrigens auch in der Natur schräg gewachsene Bäume. ;)
Jetzt ist es ein eher langweiliges Bild einen schönen Baums.

13 von 16 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich. Entscheiden Sie selbst:

Autor: Gerd 26.02.2018 - 11:33:15
Bewertung des Reports: 3 von 5 Sternen!
Hm,
also, mit Verlaub, ich denke das Bild ist im Original richtig.
Beim "Gerade rücken" sehe ich (mein ureigener Knick in der Optik (-; ) die Hintergrundbäume alle mit einem leichten Schlag nach links.
Wenn man die Hilfslinien am Original anlegt ist der Baum für mein Dafürhalten auch besser im Lot.
Bin selbst so ein bisken Monk bei diesen Dingen, und mir ist eher das "gerade gerückte" ins Auge gefallen.
Sei´s drum, meine 5 Gröschelchen.

Gruß....

Gerd

32 von 33 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich. Entscheiden Sie selbst:

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