Ein Traumflieger-Report
Als spiegellose
Systemkamera ist die Lumix GH2 kompakt, bietet aber dennoch Komfort durch
Wechselobjektive, 16 Megapixel Sensorauflösung, Full-HD-Video, einen schnellen
Autofokus sowie Touch-Bedienung. Dazu kommt noch ein extrem hochauflösender,
grosser Digital-Sucher, Schwenkdisplay und Rohdaten-Unterstützung. Kann sie
jedoch hochwertigen DSLR das Wasser reichen Wir machen Quervergleiche zu
Canons digitalen Spiegelreflex-Modellen !
Laut Testberichten scheint sich die hierzulande
seit Dezember 2010 erhältliche Lumix GH2 als Spitzenmodell der spiegellosen
Systemkameras herauszukristallisieren und den DSLR Paroli zu bieten*.
Als jahrelange Praktiker und
Autoren von einem Dutzend Canon DSLR-Profihandbüchern stellt sich uns die
Frage, ob die Lumix GH2 tatsächlich an die DSLR-Leistungsfähigkeit herankommt.
Wir untersuchen sie daher nicht nur intensiv im hauseigenen
Testlabor sondern vor allem auch in der Anwendungspraxis. Und wir erwähnen
dies nicht als landläufig zu lesende Floskel sondern haben sie tatsächlich
wochenlang fast rund um die Uhr durchgetestet.
Betrachtet man schlicht die technischen Daten,
dann verfügt die Lumix GH2 zunächst einmal nur über einen
kleinen Sensor mit 2x-Crop, der womöglich rauschanfälliger als die SLR-Pendants
ist. Fraglich auch, ob ein Digital-Sucher wirklich die optischen Systeme
ersetzen kann Zudem ist der Objektiv- und Zubehörpark viel kleiner als in der
DSLR-Welt. Als Foto-Video-Hybrid soll sie aber im filmerischen Bereich besondere
Stärken u. a. durch Autofokusnachführung und leise Bildstabilisatoren aufweisen.
Wir untersuchen sie jedoch nicht nur als reine Alternative zur DSLR-Welt sondern
auch als möglicherweise potenten Partner im Zweitkamera-Einsatz oder als leichtere Zwischendurch-Lösung.
*Panasonic weist darauf hin,
dass sogar die (weniger umfangreich ausgestattete) Lumix G2 lt. Stiftung Warentest (1/2011)
insgesamt die EOS 7D schlägt und den ersten Platz der Systemkamera-Bestenliste
einnimmt. Das spezialisierte
Systemkamera-Forum kürt die Lumix GH2 in ihrem
lesenswerten
Testbericht vom Sept. 2010
als Platzhirschen unter den
spiegellosen „EVIL“-Modellen (EVIL
steht für Electronic Viewfinder Interchangeable Lens).
Das foto-MAGAZIN (Ausgabe 1/2011) schreibt, dass insbesondere
die GH2 das Potenzial hätte, klassische SLR weitgehend abzulösen und auch die
ColorFoto (Ausgabe 2/2011) kürt die GH2 zum Testsieger der spiegellosen
Systemkameras mit dem Kommentar „Den Testsieg holt sich die Panasonic GH2 mit
einer Bildqualität auf dem Niveau einer Nikon D300s oder Canon 7D“. Nicht
zu vergessen die ausgesprochene Auszeichnung der grossen deutschen Videoplattform „Slashcam“, die
der GH2 im Jan. 2011 das Prädikat
„beste Video DSLR“ auch im Vergleich zur Canon 60D und Nikon D7000 verleiht.
Das GH2-Gehäuse ist äusserlich komplett aus Kunststoff
gefertigt, macht jedoch einen hochwertigen Eindruck. Metallteile finden sich
immerhin beim Auslöser, einigen Funktionstasten und den Wahlrädern. Der Daumen
fühlt sich in der Mulde gut aufgehoben und die Belederung des Griffs überzeugt. Panasonic
setzt natürlich auf Kompaktheit was wir auch sogleich spüren. Die GH2 nimmt
deutlich weniger Platz in der Fototasche ein, bietet andererseits aber insgesamt weniger
Griff-Komfort. Im Vergleich etwa zur EOS 60D oder 7D liegt die GH2 nicht
so gut in unseren etwas grösseren Händen, dafür fehlt es ihr an Bauhöhe und
-dicke. Zwei Finger baumeln permanent in der Luft, während an der DSLR auch bei
den kleineren, dreistelligen Modellen höchstens einer keinen Halt findet dafür
aber optional durch einen Batteriegriff ausreichend Griff-Fläche geschaffen
werden kann. Derzeit sind Batteriegriffe für die GH2 nicht absehbar und würden
eigentlich auch dem Miniaturisierungs-Konzept zuwiderlaufen.
Mit rund 400gr. ist die Lumix deutlich leichter
als etwa die EOS 7D (900gr) oder EOS 60D (755gr). Etwa auf dem Niveau einer
kompakten Powershot der G-Klasse. In Kombination mit dem im Bundle erhältlichen
Superzoom Vario 14 – 140mm bringt die GH2 dann allerdings spürbare 900gr auf die
Waage. Die Haptik verbessert sich im Gespann mit dem etwas kopflastigen
Objektiv, da jetzt die zweite Hand unterstützend eingreift. Sie verliert aber
eben auch wieder an Kompaktheit. Alternativ können u.a. natürlich auch sehr
flache und leichte Pancake-Optiken wie etwa das Lumix 20mm/1,7 mit nur 60gr. und
5cm Baulänge genutzt werden.
Erfreulicherweise verfügt die GH2 über viele
Tasten und Einstell-Räder, so dass sie sich schnell ähnlich einer DSLR bedienen
lässt. Mehrheitlich sind sie DSLR-konform beschriftet und erschliessen sich
unmittelbar. Direktzugriff auf ISO-Wert und Weissabgleich sind vorhanden, klasse
auch, dass sich via Record-Taste ein Video jederzeit starten lässt. Komfortabel
sind auch die drei relativ frei belegbaren Funktionstasten z.B.
zur Direktwahl der Serienbildgeschwindigkeit und Belichtungsmessmethode. Als
eingefleischte DSLR-Anwender steht uns allerdings ein recht hoher
Einarbeitungsaufwand bevor. Der Zugriff auf die Belichtungskorrektur ist z.B. etwas
versteckt erst über den mittleren Druckpunkt des Einstell-Rädchens möglich und
nicht etwa über das an vielen Canon DSLR vorhandene, komfortablere Daumenrad.
Zugriffe über die vier Pfeiltasten sind zwar weitgehend intuitiv, doch sind sie
recht eng gruppiert und erfordern einen spitzen Daumen.
Erfreulich ist die manuelle Eingriffsmöglichkeit
in den Autofokusbetrieb durch den Scharfstellring am Objektiv (14-140mm) wie man
es z.B an Ring-USM-Linsen von Canon kennt. Ungewohnt lediglich, dass diese
Funktion erst bei halb durchgedrücktem Auslöser nach erfolgreicher
AF-Fokussierung reagiert. Eingeübt werden muss
auch die Logik, dass sich der nützliche Schnelleinstellbildschirm entweder per
Touchscreen oder Taste nutzen lässt, ohne dass eine übergreifende Bedienung
angeboten wird. Überzeugend ist die Haptik des Zoomobjektivs, der
elektronisch unterstützte Scharfstellring ist gut übersetzt und läuft sauber, kratzende oder schabende
Geräusche sind auch bei Änderung der Zoomeinstellung praktisch nicht vorhanden.
Da können sich selbst einige L-Objektive der gehobenen Preisklasse ein Beispiel
dran nehmen.
Als Speichermedium nutzt die GH2 eine SD-Karte;
erfreulicherweise wurde ihr – im Gegensatz zu einigen Kompaktkamera-Modellen –
ein eigenes Einschubfach (mit dünner Klappe) spendiert. So ist der
Speicherkartenwechsel auf dem Stativ unproblematisch. Ein hoch ausklappender
Popup-Blitz, 3“-Schwenkdisplay nebst Abblendtaste komplettieren die
Ausstattung.
Auf das Touch-Display sind wir besonders gespannt
und fragen uns mittlerweile, warum Canon z.B. die EOS 60D damit nicht ergänzend
ausstattet hat. Wisch- und Gestensteuerung ist in der Handy/iPhone-Welt ein
toller und etablierter Komfort. An der Lumix darf man aber nicht die
Leichtigkeit etwa einer iPod Touch-Steuerung erwarten. Sie nutzt ein
drucksensitives, resistives und kein kapazitives Display, vorteilhaft zwar im
Winter für Handschuhbedienung oder um versehentliche Fehlbedienungen zu
vermeiden aber eben auch nicht ganz so flüssig in der Bedienung. So lassen sich
z.B. im Playmodus via Fingerstreich Bilder weiterschalten oder durch
Displaydruck vergrössern, das erfordert jedoch einen nachhaltigen, längeren
Druck und ist daher etwas gewöhnungsbedürftig. Gängige Programmfunktionen lassen
sich jedoch im Schnelleinstell-Bildschirm etwas sensitiver via Fingertipp
wählen. Ein Tipp auf Icons wie ISO-Wert, Blendenzahl, Weissabgleich etc. genügt,
um sie direkt zu ändern; entweder per Schaltfläche oder Wischgeste. Der Clou ist
die Möglichkeit, die GH2 direkt über den Screen auszulösen. Die Lumix
fokussiert dabei bedarfsweise aussermittig und löst sofort aus – alles mit einem
einzigen Fingerzeig. Man kann z.B. auch vor der Kamera für Selbstportraits oder
bei Produktaufnahmen stehen, auf die wichtigsten Funktionen zugreifen und
autofokusgesteuert elegant auslösen.
Die Touch-Funktion gefällt uns insgesamt gut auch
wenn einige Schaltflächen etwas klein geraten sind oder manche Geste sensibler
ansprechen dürfte. Der Monitor kann sich auch mitten in der Bedienung plötzlich
durch Abschattung abschalten und das Sucherdisplay aktivieren. Gewöhnt man sich
daran (oder stellt die Monitorumschaltung via Individualfunktion ab), dann ist der Bedienkomfort durch das Touchdisplay eindeutig gesteigert.
Im Kamera-Men ist die Touchsteuerung hingegen
abgeschaltet, hier navigiert man via Rändelrädchen oder Vierwege-Taste. Das auch
im digitalen Sucher einsehbare Men ist in vertikale Karteireiter aufgeteilt,
bietet allerdings nicht ganz die gute Übersicht von Canon-DSLR, bei denen alle
Hauptmenü-Einträge auf einen Blick einsehbar sind. Immerhin ist auch ein My-Men
vorhanden, indem fünf der zuletzt angesteuerten Einträge vermerkt werden, ohne
diese jedoch individuell als Favoritensammlung speichern zu können. Die Schrift
ist angenehm gross, kommt allerdings etwa verpixelt daher, vielleicht etwa edler
sind dagegen die Menüs von aktuellen Canon DSLR. Dennoch: im GH2-Men lässt sich
flüssig und funktional sinnvoll navigieren.
Auf einen intuitiven Joystick verzichtet die Lumix,
bietet aber immerhin ein daumengesteuertes Rändelrädchen. Mit ihm kann z.B. im
Programm AV (heisst A) die Blende unmittelbar verstellt werden. Soll die
mittlere Belichtungsstufe geändert werden, reicht ein mittiger Druck, um diese
anschliessend erneut via Dreh am Rädchen zu ändern. Im Programm M wird nach
diesem Schema dann anstelle der mittleren Belichtungsstufe die Zeit eingestellt.
Insgesamt ist also eine flotte Werteänderung möglich allerdings könnte die
Haptik besser sein, da die Rändelschraube relativ klein und etwas versenkt ist.
Ggf. ist es sinnvoll, lieber die Q-Taste zu nutzen und über die Pfeiltasten dann
im Schnelleinstellbildschirm Werte für Blende oder Belichtungsstufe schneller
anzusteuern. Die erwähnten drei, frei belegbaren Funktionstasten greifen alle
auf dieselben 18 Einstelloptionen zurück. Hier kann z.B. eine Taste mit der
Bildqualität, die zweite als Blitzbelichtungskorrektur und die dritte
Gitterlinien oder die Serienbildgeschwindigkeit ansteuern, wobei sie jeweils die
entsprechende Menüfunktion direkt aufrufen. Individualisierung ist auch am
Programmwahlrad angesagt, denn die GH2 bietet hier satte drei Customprogramme,
die sich praktisch alle Einstellungen merken und – wie bei Canon – die Funktion
des vorher genutzten Programms erben.
Wer die meist enttäuschende Qualität
elektronischer Sucher aus dem Kompaktkamera-Lager kennt, dürfte an der Lumix GH2
angenehm überrascht werden. Der LCOD-Sucher ist mit seinen 852 x 600 Pixel nicht
nur sehr hochauflösend, sondern bietet auch bei 100%-Feldabdeckung ein sehr
grosses Sucherfenster. In Canons DSLR-Lager wird die Grösse nur vom 1Ds Mark
III-Sucher übertroffen, ansonsten liegt der GH2-Sucher mit einer Realgrösse von
93% über dem der 5D Mark II (92%), EOS 7D (82%) oder einer EOS 60D (75%).
Erfreulich nicht nur, dass er schön hell und klar ist, sondern auch eine
Zoomvergrösserung mit 5x und 10x-Faktor bietet, die automatisch aktiv wird,
sobald ein Lumix-Systemobjektiv am Scharfstellring betätigt wird. Scharfstellen ist so
beim Sucherblick deutlich exakter als mit optischen Systemen möglich. Von
Vorteil sind dabei auch tastengesteuerte Zugriffe auf den
Schnelleinstellbildschirm oder das Kamera-Men?, ohne den Blick vom Sucher nehmen
zu müssen. Das Realbild zeigt zudem eine ziemlich exakte Vorschau auf Weissabgleich, Kontrast- und Lichtverhältnisse, so wie sie im Bildergebnis zu
sehen sind.
Nachteile sind allerdings auch zu nennen. Bei
geringem Umgebungslicht – etwa bei Kerzenschein oder in tiefdunklen
Schattenfeldern – kommt die Anzeige bei Schwenks ins Stottern und die
Bildfrequenz kann auf unter 10 Bilder/Sek. absinken. Betroffen von der
reduzierten Geschwindigkeit ist dann überraschenderweise auch die Steuerung des
frei verschiebbaren Fokusfeldes. Vergleicht man die Lowlight-Fähigkeit etwa mit
dem eingezoomten Live-Monitorbild an Canon DSLR, so ist letzteres im Vorteil und
zeigt bei geringerem Umgebungslicht noch Details an. Dennoch ist man an der GH2
auch bei wenig Licht noch zielsicher unterwegs und kann z.B. Nachts im
städtischen Umfeld recht sicher manuell scharfstellen. Durch den elektronischen
Sucher sieht man in der Regel deutlich mehr als es dem unbewehrten Blick abends
möglich ist, mag das Bild dann auch etwas rauschen.
Ohne Frage, der elektronische Sucher begeistert
uns ! Diese Einschätzung wird sicherlich nicht jeder Fotograf teilen,
denn auch wenn der GH2-Sucher das Bild praktisch unverpixelt darstellt, so
vermittelt er nicht immer einen natürlichen Eindruck. Dies gilt nicht nur in
hochkontrastreichen, im Sucher ausbrennenden Lichtsituationen sondern z.B. auch bei
Kunstlichtquellen, die erst nach einem angepassten Weissabgleich dem optischen
Seheindruck nahe kommen und mit dem automatischen Weissabgleich häufiger etwas
rotstichig angezeigt werden können. Bei schnellen Serienbildaufnahmen kann das
Sucherbild in Verzug geraten und der energiehungrige Sucher ist auch nur aktiv,
solange die Kamera eingeschaltet ist. Dennoch: vor die Wahl gestellt, würden wir
den elektronischen Sucher optischen Systemen vorziehen, die Summe der Vorteile
überzeugt uns.
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